Interview mit Prof. RÓNA Péter am 2. Februar 2012.

Der erste Versuch, einem Video Untertitel hinzufügen, ist nicht vollkommen perfekt gelungen. Ich bin jedoch stolz, und hoffe darauf, dass die Gedanken von diesem wunderbaren Menschen verständlich interpretiert sind.

Das Interview ging am 2. Februar 2012. auf Sendung in Ungarn, im Fernsehkanal ATV.

Journalist [J]: RÓNAI Egon

Danke: Elisabeth Peirhofer für das Lektorat der Rohübersetzung des ungarischen Textes. 🙂

RÓNA Péter [R], 69 Jahre alt, ist ein ungarischer Ökonom und Juswissenschaftler und Universitätsprofessor. Ursprünglich wollte er bildender Künstler werden, aber die Emigration im Jahre 1956 brachte einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Bei der Schroders Bank wurde er vom Sekräter zum Generaldirektor. Er nahm teil an die IWF-Kreditverhandlungen im Jahre 2008. Derzeit lehrt und forscht er in Oxford. Er ist ein Mitpräsident der Parteistiftung der ungarischen Partei „Politik kann anders sein”. Auf seiner Familiensitzung im Dorf Kisasszond betreibt er eine Käsefabrik. „Ich habe mir schon meine geistige Autonomie erkämpft, ich bin nicht darauf angewiesen, die Gnaden vom sonstjemanden zu suchen.”

J: Guten Abend.

R: Guten Abend.

J: Der letzte Satz war eine Zitat von Ihnen. Ich könnte darauf sagen: So ist es doch einfach! War es einfach, um so weit zu kommen?

R: Nein, es war gar nicht einfach. Das gelingt, wie die anderen ähnlichen Sachen, nur dann, wenn man darauf sehr besteht.

J: Was braucht man zur Autonomie? Damit man sich erlauben kann, was keine Geldsache ist, dass man eine Meinung haben und diese ruhig äussern kann.

R: Das ist zum Teil eine Bildungsfrage, zum Teil eine Persönlichkeitsfrage. Die wichtigste These der Bildung und des Lebens ist, dass Sie finden, wozu Sie Talent haben. Und wenn Sie das gefunden haben, bleiben Sie dabei 100% treu.

J: Woher wussten Sie das? Sogut ich Ihre Biographie kenne, fiel es Ihnen nie ein, Ökonom zu werden. Sie wollten Künstler werden, der berümhte Kokoschka sagte sogar, dass Sie den Talent in der Hand haben. Was Sie jetzt machen, fällt ziemlich weit weg davon.

R: Als ich mit meiner Mutter Ungarn verliessen, wollte ich tatsächlich Künstler werden. Wir waren zuerst in Salzburg, wo Kokoschka seine Schule hatte. Er unterhielt sich mit meiner Mutter, dass …

J: Sie waren damals 14 Jahre alt.

R: Richtig. Wir hatten schon die Einreisebewilligung bekommen, und Kokoschka sträubte sich die Haare von der Idee, er sagte meiner Mutter: „Wenn Sie dieses Kind nach Amerika bringen, wird er niemals zum Künstler.”

J: Wieso?

R: Er war gerade von Amerika nach ein paar jährigen Aufenhalt zurückgekommen. Und er hatte recht. Amerika bedeutete mir einen Kulturschock in jeder Hinsicht, visuellen Schock, geistigen und seelischen Schock. Mein Talent flog einfach weg. Ich merkte als ich 15-17 Jahre alt war, dass ich einfach nicht mehr malen kann.

J: Da Sie sich bemühten? Versuchten Sie immer wieder?

R: Nach langer Zeit wurde mir bewusst, dass die Kunst sich von der jeweiligen Kultur nährt. In Amerika gibt es z. B. wunderbare Eichenbäume, sie sind aber nicht so, wie die Eichenbäume von Ungarn. Die Farbe des Himmels ist dort nicht ganz so, wie hier. Diese Details, woran ich unbewusst sehr anhing, waren in Amerika nicht vorhanden. Ich war daher in dem Sinn nicht inspiriert, nicht genährt.

J: Das Jus und die Wirtschaft sind doch auch kulturelle Angelegenheiten, nicht wahr?

R: Ich habe diese Studienfelder ganz ad hoc gewählt.

J: Wurden Sie dann aus Qual zum Primus in Oxford?

R: a, vor Qual. Ich ging durch eine ernsthafte Krise, bis ich zu mir selbst fand, bis ich meinte, dass ich auch was Fähigkeiten zur Wirtschaft und Jus habe. Ich machte dann mit riesiger Entschlossenheit und Bemühung den Weg durch. Meine Laufbahn war aber am Anfang nicht so.

J: War Ihre Karriere bei der Bank wirklich so? Fingen Sie dort zu arbeiten an, und wurden Sie vom Sekräter zum Generaldirektor?

R: Ja.

J: Sie fingen praktisch beinahe als ein Kurier an.

R: Man könnte das auch so sagen. Aber ich war der Personalsekräter des Präsidenten.

J: Gut, das ist zweifelsohne nicht die niedrigste Stellung, aber nicht jedermann wird auch von dort zum Generaldirektor. Brauchten Sie Glück dazu, waren Sie am richtigen Ort in der richtigen Zeit?

R: Nein, ich war dann irgendwie sehr entschlossen, dass ich mich nicht zugebe. Das ist ein sehr interessantes psychologisches Phänomen, der charakteristische Seelenzustand eines Immigranten, dass man sich vom Misserfolg fürchtet, arbeitet daher extremst hart.

J: Haben Sie noch dieses Gefühl?

R: Nein, es flog auch weg. In der Bankwelt fand ich sehr gut zu mir, ich fühle mich sehr gut in der westlichen Ökonomengesellschaft. Ich habe sehr gute Freunde, es geht mir gut.

J: Im Ausland. Und in Ungarn?

R: Nein, da nicht.

J: Nahm Sie die ungarische Ökonomengesellschaft nicht auf?

R: Nein.

J: Warum?

R: Die Ungarn sind generell …

J: Sind Sie als ein weither kommender Mensch angesehen?

R: Ja. Andererseits das ist auch eine interessante Geschichte. Als ich sehr ernst meinte, dass ich zurückkomme, hatte darüber ein Gespräch mit dem damaligen Ministerpräsidenten, ANTALL József. Er sagte: „Péter, nimm zur Kenntnis, wenn jemand von da wegging, dann ging er weg.”

J: Nun, das sind nicht eben ein Lockruf.

R: Ich meinte, das solle irgendein diskriminierendes, übertriebenes Nationalbewusstsein sein, ich müsse das nicht ernst nehmen. Jetzt weiß ich schon, das sagte Antall mit den besten Absichten, und es ist eine große Wahrheit daran. Ich sehe, dass meine ehemaligen sehr erfolgreichen StudentInnen, die in auslädischen Unis gingen, kommen zurück, und sie finden in Ungarn nicht wirklich ihren Platz. Das ist das große Problem.

J: Viele werden sich über mich wegen dieser Frage ärgern: Ist es aus dem Grund so, da wir so anders sind? Sowie wir uns selbst klagen, dass wir Balkaner sind. Oder sehen wir der Zurückkehrende so an, als weither kommende Mensch an, der sagt, was er will, er hat nichts zu riskieren? Man sagt übrigens über die 56er Emmigranten, „man brauche keinen Mut zum Weggehen, sondern zum da Bleiben”. Kennen Sie diese Sprüche?

R: Ja, es gibt solche Sprüche. Ehrlich gesagt, ich kann sie auch nicht enträtseln. Ich verstehe sie auch nicht. Ich finde das sehr bedauerlich. Dieses Syndrom kommt noch bei den Japanern vor, die praktisch voneinander allen ausstoßen, die von der ausländischen Erfahrung „infektiert” wurden.

J: In der Bank hatten Sie japanische Chefs, richtig?

R: Ja. Ich war sehr oft in Japan, ich lernte sie kennen und schätze sie sehr. Sie haben auch so ein Identitätsbewusstsein, das sich von der „Infektion” der nicht von denen stammenden Kultur fürchtet.

J: Dieses Image stärken die Ungarn mit dem völkischen-nationalistischen und geschlossenen Verhalten, das wir gerade jetzt Europa zeigen. Finden Sie, versteht man das in Europa? Wenn Sie nach z. B. England gehen, fragt man Sie, was in Ungarn passiert?

R: Doch, oftmals. Ich war letzte Woche in Italien, und ein alter, sehr guter Freund, der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission, Romano Prodi begrüßte mich mit damit: „Was ist denn mit euch passiert?”.

J: Und was sagen Sie, wenn Sie sowas hören?

R: Ich sage, zur Zeit des Systemwechsels betraten wir die Bahn eines fehlerhaften Paradigmas. Wir merkten nicht, wie fehlerhaft es ist.

J: Könnten Sie das bitte näher erläutern?

R: Es handelt sich grundsätzlich darum, dass wir uns entschieden, dass die ungarische Wirtschaft auf Außenhandel basiert werden muss, und dazu brauchen wir das auslädische Kapital. Wir prägten so eine nationalwirtschaftliche Strategie, die die Anlockung des auslädischen Kapitals erzielte. Das war der Kern der Wirtschaftspolitik in den ersten zehn Jahren, und auch danach.

J: Das hat praktisch zwei Wege: entweder verkaufen wir dem ausländischen Kapital , was wir haben, oder locken wir es an, damit es investiert und baut, wie z. B. jetzt in der Stadt Kecskemét. Die erste Variante wird oftmals als eine Sünde dargestellt.

R: Ja. Es gibt Probleme mit beiden Varianten. Das Endresultat ist, dass die ungarische Wirtschaft in so einer Struktur hineingedrängt wurde, wo sie primär Grund- und halbfertige Produkte mit einem sehr niedrigen Mehrwert herstellt, bzw. sie leistet Lohnarbeit.

J: Wir sind am billigsten, anstatt unseren Verstand zu benutzen.

R: So ist es. Wir warfen aus dem Fenster hinaus, wovon wir einmal wirklich berühmt waren, dass wir mit der geistigen Exzellenz, Leistung und Kultur verbunden waren. Das charakterisierte Ungarn.

J: Das finde ich jetzt sonderbar. Das große Ideal des Präsidenten Antall war, dass er ein sich geistig entwickelndes und breite Wissenschaftslandschaft habendes Land bauen will.

R: Das ist schwer zu beantworten. Nach den Wahlen erkrankte Antall sich sehr schnell, man weißt daher nicht, was er gemacht hätte. Da Sie recht haben, er war mit dieser Idee wirklich verbunden. Ich liebe an Ungarn auch das: die tiefe, tiefe Verbundenheit mit dem geistigen Leben und mit der Kultur.

J: Inwiefern waren Sie ab 1956 bis 1990 ein Ungar. Wie sehr konnten Sie ein Ungar sein?

R: Das ist sehr schwer zu beantworten. Für mich hat diese Frage einen sehr widerlichen, unangenehmen Beigeschmack, nämlich die Ungarntümelei: die Árpád-Streifen- und dolmantragende Dinge, die Selbstdarstellung wie in einer Maskaradenball, und die Kuruzentümelei, die wir in den letzten Monaten miterleben mussten. Ich will davon nichts. Für mich sind die Großen der ungarischen Geistigkeit und Kultur der Matematiker Bolyai, die Staatsmänner Széchenyi und Wesselényi, die großen Wissenschaftler, Künstler und Komponisten.

J: Kehrten Sie zu diesem Ungarn zurück?

R: Ja, zu diesem.

J: Und was fanden Sie vor? Zum Beispiel in Kisasszond, auf Ihrem Familienbesitz?

R: In dem Gebäude, das ich kaufte, hatte jemals der Dichter Csokonai Vitéz Mihány als Hauslehrer gedient. Er hatte dort gewoht.

J: Das Gebäude wurde dann nicht heute erbaut.

R: Nein. Und zufälligerweise steht vor dem Haus ein wunderbarer Eichenbaum.

J: Haben Sie ihn schon gemalt?

R: Ja. In dem Sinne ist die Umgebung für mich sehr anziehend. Ich mag die dortigen Residenten auch sehr, wie auch bescheiden ihr Bildungsgrad ist. Ich bin mit ihnen sehr verbunden. Ich brachte die Käsefabrik zustande, damit aus dieser kleinen Ortschaft irgendwas wird. Aber den exhibitionistischen und schnoddrigen ungarntümeleischen Stil hasse ich vom Herzen.

J: Das ist für die Ökonomen eigentlich nicht typisch, auch nicht in Ungarn. Sie werden trotzdem nicht aufgenommen. Man käme auf die Idee, wenn Róna Péter kommt und sagt, was er denkt, gibt es immer einen oder anderen Ökonomen, der Ihnen zum Teil recht gibt, oder das aufrecht ablehnt. Aber niemand sagt: „Sie haben doch recht!”. Wie sehen Sie das?

R: Damit gibt es kein Problem. Das Problem ist, besonders in diesem Bereich, und generell im Bereich der Sozialpolitik, dass die ungarische geistige Elite sehr dogmatisch ist. Sie denken nicht. Aber kurz zurück: Wir entschieden uns füe ein sehr schlechtes Paradigma, und Ende der 90er Jahre war es schon offenbar, dass die aus niedrigem Mehrwert zusammengeschnittenen Wirtschaftsstruktur sehr schwierige Probleme ergeben, und die Elite wollte das nicht nachgeben. Man sagte alles umsonst, die Antwort war immer, dass „nein, auslädisches Kapital, Außenhandel, da wir ein kleines und offenes Land sind, wir haben ja keine anderen Chancen”. Nun: Das stimmt nicht. Denken Sie daran, 2011 erzeugte die Firma Apple mit 60.400 Mitarbeitern mehr Einkommen, als das ganze ungarische GDP, das in der Privatsphäre 2,7 Millionen Menschen anstellte.

J: Ich könnte darauf sagen, würde jemand ein Land so führen, wie ein Großunternehmen, funktionierte es so. Ein Großunternehmen zu führen ist einfacher, als ein Land, nicht wahr?

R: Es könnte sein, aber ich bin mir nicht sicher. Wo ich sicher bin, dass die Firma Microsoft einen sehr wichtigen intellektuellen Mitarbeiter hat, der Simonyi heißt. Bis zum heutigen Tag sind die Ungarn sort in der welstlichen Welt mit einer sehr niveauvollen geistigen Leistung. Diese Menschen können in Ungarn keinen Boden finden.

J: Suchen sie den Boden? Möchten sie zurückkommen?

R: Natürlich.

J: Man merkt daon nichts. Denken Sie, oder wissen Sie?

R: Das weiss ich. Vorgestern bekam ich ein E-Mail von einem relativ jungen Mann, der seit 5-7 Jahren eine Stelle in Ungarn sucht. Er hat Heimweh und möchte sehr gern zurück. Er arbeitete bei der Citybank in einer sehr wichtigen Position, er beschäftigt sich mit Systemrisikoanalyse. Solche Kompetenz wäre unglaublich erforderlich. Seit sechs Jahren sucht er Arbeit, und er findet nichts.

J: Das System ist viel zu klein dazu (Lachen). Das ist offenbar ein Einstellungsproblem. Ist das Problem damit, dass er vom Ausland zurückkommen will? Hat man Angst von seinem Wissen?

R: Ich glaube schon. Ich glaube, es fehlt uns an ein rationales, gut durchgedachtes und begründetes Selbsbewusstsein.

J: Sind wir darum so laut?

R: Ja. Im Grunde genommen wurde nach dem Millenium offensichtlich, das es ein Problem gibt. Ministerpräsident Medgyessy und sein Kabinett verschleierten es mit der Verbrauchserhöhung, weswegen sich ein großer Schuldenstand anhäufte. Dann kam die Orbán-Regierung. Wer sind die Wählerbasis von Orbán? Diejenigen, die im Tiefen ihrer Seele daran glauben, dass dieses Land nicht wettbewerbsfähig wird. Wir kommen nie in ein Gewichtkategorie mit z. B. Österreich, Dänemark, Finland, die so groß sind, wie Ungarn. Wir brauchen daher so eine Politik, die autarkisch ist, schließt die Grenzen ab, lehnt das Ausland ab, lehnt alles Fremdes ab. Dieses Programm spielten die Ungarn während ihrer Geschichte unzählige Male ab. Und das führte jedes Mal zur Tragödie, und wir nähern auch jetzt zu einer Tragódie. Also in dem Fall es keine neue geistige Kraft kommt, aber sehr schnell, wie in dem Reformzeitalter, dann sind wir im großen Stich.

J: Wenn wir schon bei der geistigen Kraft sind. Eine Kollegin befragte einen Parteivertreter, welche Partei immer wieder andeutet, dass sie in Ihrer Person einen Ministerpräsidentenkandidaten ausstellen wird.

Scheiring Gábor: Die ersten Erfahrungen hatte ich ihm dann, als er zum Kuratoriumsmitglied wurde. Wir wurschtelten gerade an der Stiftungsstrategie herum, z. B. was hat das Land für Probleme, was hat die Stiftung für eine Rolle. Er kam wie vom Himmel gefallen, schaute sich an, was wir machen, und dann erläuterte in einer 15 minütigen leidenschaftlichen Monologe über die Zweispaltung des Landes, die Stellung der ungarischen Klein- und Mittelunternehmen, die Globalisationseffekte an Ungarn. Jeder hörte ihn mit tiefem Interesse und großer Verblüffheit zu. Er bildet eine sehr autentische Brücke zwischen Wissenschaft und Politik. Er hat in der Wissenschaft eine aufgereifte Weltanschauung, sehr tiefe Kentnisse über die sozialen Probleme, und er ist fähig, diese Probleme der demokratischen politischen Realität zu formulieren. Er ist kein weltfremder Zimmerphilosoph, sondern ein politisch sehr inspirierende Persönlichkeit. Er nimmt stolz das Image eines Professors mit ergrautem Haar auf sich, aber das ist noch nicht alles. Er hat z. B. eine Käsefabrik im Komitat Somogy, und in England gewann er schon einen Preis mit der Käse. Das zeigt, dass er auch in der Praxis etwas zustande bringen kann.

J: Und Sie brachten keinen Käse mit, aber ich hoffte darauf. Egal. Lass uns dann darüber reden, was für eine geistige Strömung oder was für eine Persönlichkeit erscheinen soll, die dieses Land aus die Grube rausziehen kann. Ihre Vision ist, dass wir uns zu einer Tragödie zuhalten. Ich hoffe, nicht. Aber wenn es so ist, müssen wir was machen. Aber was? Und wer?

R: Ich kann nur das sagen, dass die traditionelle ungarische Verbundenheit mit den kulturellen-geistigen Werten zurückgebracht werden muss. Ohne jegliche Kompromissen. Meine größte Beschwerde ist, dass nach dem Systemwechsel sich so ein unverständlicher Zustand formte, dass die intellektuelle Eliten entweder in dieser oder jener Parteistellung haben. Das ist nicht die Sache der intellektuellen Elite. Sie soll politisch niergends anhören. Sie sollte absolut mit dem eigenen Beruf, Geist, Forschungsgebiet und mit den eigenen Prinzipien verbunden sein.

J: Nach dem Systemwechsel formte sich ein Land, wo man davon nicht leben kann. Die intellektuelle Elite wird wegen Broterwerb auf diese oder jene Seite geraten, und stecken geblieben.

R: Sie kann sich gerade deswegen nicht unterhalten. Das ist eine sehr wichtige Sache. Es ist gerade die Unabhängigkeit, die die Lebensunterhaltung bringt und garantiert.

J: Wie kommt es zur Unabhängigkeit in so einem Land, wie Ungarn?

R: Wo auch immer es auch dazukam. Wie in Tschechien.

J: Das formte sich praktisch von Haus aus. Die Tschechien fingen schon so an. Und wir gingen nur so los. Es gibt z. B. eine Grube, die gefüllt werden muss, und wir graben trotzdem weiter. Jemand sollte mit dem Verschütten anfangen. Werden Sie das als Ministerpräsidentkandidat der Partei „Politik kann anders sein”?

R: Nein, danke, nein.

J: Warum nicht?

R: Das ist kein mein Metier.

J: Aber Sie sagen, ein Land zu leiten ist nicht komplizierter, als ein Unternehmen zu leiten.

R: Ja, könnte sein. Aber das ist nicht mein Ding, nicht mein Metier. Ich bin ein unabhängiger Intellektueller. Ich erzähle darüber, was ich forsche, ich demonstiere was ich demonstriere, wem das gefällt, kann annehmen, wem nicht, kann ablehnen. Was schon erwähnt wurde, war für mich meine Neuintegration ziemlich schwer, praktisch gelang es nicht so, wie in Amerika und in England. Das ist für mich eine sehr wichtige Nachricht.

J: Das ist traurig, das heißt nämlich auch, wenn jemand das in der Welt erkanntes Wissen mitbringt, können wir damit nicht viel anfangen. Wir befragten Menschen, was sie über die Ökonomen meinen, ob sie sie für glaubwürdig halten, und was sie über Sie denken.

Mann 1.: Er kennt die heimliche Situation nicht so gut. Er betrachtet die Wirtschlaftslage aus einem schönen Büro, meine ich.

Mann 2.: Er ist ein gescheiter, guter Ökonom. In Ungarn gibt es sehr gute Ökonomen, und das zeigt sich jedoch nicht. Ihre Kenntnisse kommen nicht zur Geltung. Das ist das Problem.

Mann 3.: Vielleicht sollten wir auf die Ökonomen besser aufpassen.

Mann 4.: Man sollte auf die Ökonomen besser hören, sie kennen ihre Beruf sicher gut. Die ungarische Ökonomie hat Ruf in der Welt, wir haben weltberühmte Ökonomen, und Ökonomieschulen, worauf die Ausländer neugierig sind, sie kommen hierher, lernen, laden unsere Professoren ein.

J: Sehen Sie , wie komisch das ist. Einerseits sind wir solz auf die Ökonomen. Andererseits hören wir auf sie nicht und wissen nicht, worüber sie reden. Und tatsächlich sagt jeder verschiedenes über alles. Vielleicht im selben Fernseherkanal, Radiokanal sagen die Experten die verschiedensten Dingen. Warum ist es so?

R: Einerseits, da der Ökonomenberuf eine schwere Krise miterlebt. Schon die Krise im 2001 machte eine Menge ökonomischer Theorien unauthentisch. Wir leben in einer spannenden Zeit, der Beruf sucht die neue wissenschaftliche Basis. In Ungarn ist die Lage komplizierter, da hier Identitätsstörung und Identitätskrise herrschen. Es gibt eine Gruppe, die so ein Ungarn vertreten, das die Welt ablehnt.

J: Die unortodoxe Wirtschaftspolitik.

R: Unter anderem. Die jetztige Wirtschaftspolitik ist ein großes Problem. Ein berufliches Trümmerhaufen. Unglaublich, dass es in meiner Heimat zum sowas kam. Für mich ist eine Qual, dass es keine ungarische Universität unter der besten 500 europäischen Universitäten gibt. Eine Schande für mich. Und das Land will dieser geistigen und moralischen Schlechtigkeit nicht gegenüberstehen. Es gibt eine Regierung, womit niemand reden will. Wo gibt es einen auslädischen Regierungschef oder Staatschef, der Mit Orbán Viktor gemeinsam eine Pressekonferenz mitmachen will? Orbán geht nach Brüssel, redet diesem und jedem, mit Olli Rehn, mit Barroso, aber Barroso steht nicht neben ihn, Barroso erlaßt eine Mitteilung. Fellegi Tamás geht mit dem IWF zu verhandeln, Christine Lagarde empfängt ihn, gibt die Hand, sie gehen zusammen ins Büro, Fellegi kommt raus, halt eine Pressekonferenz, Frau Lagarde ist aber niergends zu sehen. Wir stellten den Antrag beim IWF über eine Kreditgewährung Ende November, jetzt ist es Februar, es gibt noch immer keinen Gesprächstermin.

J: Bis zum Ende Februar haben wir Zeit, um die Forderungen zu erfüllen.

R: Aber bis dahin knpft man mit uns kein Gespräch an. Finden das die Ungarn nicht tiefst demütigend? Und was ist die Antwort? Drohen Amerika und Europa mit dem Faust? So geht es nicht. Das Land muss solche moralische und geistige Fähigkeiten aufzeigen, das Ehrfrucht anbietet. Und wir sind davon sehr weit entfernt.

J: Was Sie sagen, ist an und für sich eine Nachricht. Wir haben auch sechs Nachrichten. Wählen Sie bitte eine Nummer.

R: Eine Nummer?

J: Ja:

R: Vier.

J: Lass uns das sehen.

Nachricht: Ungarn ist ein Beispiel dafür, wie zärtlich die Demokratie auch inmitte Europas sein kann – schrieb im Leitartikel The New York Times. Die führende amerikanische Tageszeitung äußerte: „es scheint, Orbán Viktor wurde dadurch ermutigt, dass die EU durch die suveräne Schuldenkrise schwächer wurde. Die nationalistischen Parteien von Frankreich, Finland und Holland auch versuchten, die Schuldenkrise zu politischen Zielen anzuwenden. Aber offenbar hatten sie Missglück.”

J: Der Kommentar suggeriert die Frage, ob es Orbán Viktor auch nicht gelingt.

R: Richtig. Unsere Stellung ist aber ein bisschen anders. Das Land, wo Orbán der Regierungschef ist, befindet sich in einer Niederlagesituation. Die Gesellschaft und die Wirtschaft vollbringen keine Leistungen. Die alltägliche Erfahrung im Grunde genommen, dass die Dinge nicht funktionieren.

J: Wenn jemand Sie fragte, was man sofort machen sollte, was würden Sie sagen?

R: Das erste Ding zu tun, das schieb schon Széchenyi, das Banksystem in Ordnung zu bringen. Ohne Kredit gibt es keine Wirtschaft. Die ungarische Volkswirtschaft zahlt momentan 9% an Realzinsen nach den Kredtis. Realzinsen. Auf der Welt gab es niemals so eine Volkswirtschaft, die fähig gewesen wäre, 9% an Realzinsen zu produzieren.

J: Das zeigt sich auch an den Staatsanleihenausgaben, wo wir stehen.

R: Richtig, das auch. Wenn ein Klein- oder Mittelunternehmer in die Bank geht, kriegt er Kredit um 13-14% Zinsen. Wir ziehen die Inflationsrate von 4-4,5% ab, es bleibt ca. 9%, das ist die Realzinsen. Unproduzierbar. Das Banksystem so wie es ist, funktioniert nicht. Es kann die gerechte Ansprüche der Volkswirtschaft nicht versorgen. Es muss in Ordnung gebracht werden. Das ist eine komplizierte berufliche Aufgabe, aber kein einzigartiges Beispiel in der Welt.

J: Wie lang würde es dauern, das Banksystem in Ordnung zu bringen?

R: Ein paar Monate. Muss einfach gemacht werden. Und nicht so wie die Regierung macht, mit der unglücklichen Methode der Schlusszahlung. Der Punkt ist, das Banksysstem soll fähig sein, bei sinnvollen und gerechten Bedingungen Kredite zu gewähren. Solang es nicht so ist, ist die Wirtschaft zum Tode verurteilt. Das ist das erste. Das zweite ist ein riesengroßes Paradigmenwechsel, also: wir brauchen keine Autobahnen, Fußballstadions, Springbrunnen. Alle zugängliche Ressourcen müssen für die Bildeung verwendet werden. Das tan die Finnen. Und schufen es. Als junger Banker in den 1960er Jahren war ich oft in Finland, sie waren armer, als die Ungarn jetzt. Sie sagten, wir haben davon genug, wir können nur mit einem wettbewerbsfähigen Schulsystem auf die Beine kommen, das mit der Welt konkurrieren kann.

J: Und den Finnen gelang es. Wir müssen Ihnen und den Finnen glauben. Schmeckt der Käse gut?

R: Er schmeckt gut, danke.

J: Zum Schluss: Warum betreiben Sie gerade eine Käsefabrik?

R: Dieser Besitz/Gutshof war einmal eine Milchwirtschaft. Ich ging davon aus, wenn man jemals sich dachte, dass er für die Kuhe und die Milchwirtschaft OK gut ist, dann hatten sie vielleicht recht.

J: Also nichts anderes, nur der klare Verstand? Nicht die Leidenschaft für den Käse? Oder die Schönheit der Kuhe?

R: Ich mag die Kuhe, ich mag die Pferde. Und ich wollte das machen. Es gab auch eine Wirtschaftstheorie im Hintergrund, nämlich die größte Schwäche der ungarischen Wirtschaft, dass sie kein Fertigprodukt hat. Der große Mehrwert, der Gewinn schlägt sich in der Nähe des Fertigprodukts nieder. Also vom Mais und Heu gibt es keinen Gewinn. Vom Käse gibt es.

J: Ich hätte noch viele Fragen gehabt. Danke, dass Sie gekommen sind.

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