Die Wolfsfrau unter uns: Marina Sagl. Teil I. Von Geschichte und Politik

Marina Sagl, Begründerin, Inhaberin und Designerin des Modelabels Veni Creatrix. Als Einzelunternehmerin, hat sie die Firma in wenigen Jahren zum Erfolg geführt. Gespräche mit der Modeschöpferin über Geschichte und Politik, Veni Creatrix, Mode und Industrie.

* Sie sind – wie Sie sagen – ein Geschichts-Fan. Ich kenne kaum Menschen, die so gerne über Geschichte lesen und sprechen, wie Sie. Besonders solche berufstätige Menschen, deren Leben so hochgekurbelt und aktiv ist, wie Ihres. Warum ist Geschichte interessant für Sie?

Als Kind hatte ich oft scheu, über ein Feld oder über einen Acker zu gehen. Ich dachte, liegen hier Menschen begraben, “steige ich über jemanden drüber?” Auch hat mich der Gedanke beschäftigt, ganz kindlich, wer hat früher in diesem oder jenem Haus gewohnt”, „was haben die Menschen gemacht, gedacht, wer waren sie”? Und so haben die Fragen sich immer mehr erweitert: Wer hat in dem Schloss gelebt? Wielange ist das her? Was und wer war davor? Welche Sprache haben denn diese Menschen gesprochen? Wer war mächtig, wer nicht …?” So ist meine lebensbegleitende Liebe zu Geschichte entstanden – und diese Liebe ist ganz lebenig in mir. Geschichte ist spannend.

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* Wie würden Sie Geschichte definieren?

Geschichte ist für mich eng verbunden mit den zentralen Fragen des Seins: WOHER? JETZT? WOHIN? Zusammengefasst: Geschichte ist Bewusstsein. Bewusstsein darüber, was bereits geschah! Erleuchtung zur Standortbestimmung des Jetzt. Orientierungshilfe für das Morgen. Geschichte ist Erkenntnis.

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* Gibt es unter historischen Persönlichkeiten, die Sie inspiriert haben – von denen Sie irgendetwas gelernt haben?

Besonders die Ottonsichen Kaiserinnen, Königinnen, Äbtissinen, und die Frauen aus der Familie Alsleben: die ersten Fürstäbtissinnen des Stiftes Gernrode, die Stifung des Markgrafen Gero von Alsleben, wie z. B. Hathui. Katharina die Große, eine Tochter aus dem Hause Anhalt-Zerbst, eine sehr eingenwillige, sehr a-moralische Frau. Und viele andere mehr.

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* In welcher Form begegnet einem Geschichte im heutigen Österreich?

Wenn man/frau dafür bereit ist in 1000-erlei Gestalt. Sie gehen um die Kurve in Wien, z. B. durch die Strozzigasse – und ein ganzes Universum kann sich eröffnen, wenn sie dafür offen sind. Wer waren die Strozzis? Warum heißt die Gasse in Wien so? Was war vorher? Wenn Sie ein Thema – in meinem Fall Geschichte interessiert, dann können Sie eigentlich von jedem Punkt der Welt ausgehend einen Bezug zu Vergangenheit und Gegenwart finden. Das ist Geschichte, das ist lebendige Geschichte für mich.

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* Wie ist das Geschichtsbild in Österreich?

In Österreich ist Geschichte sehr „habsburgerbezogen”, und – das geht ja Hand in Hand – sehr christlich geprägt. Das ergibt aus meiner Sicht ein sehr verzerrtes Bild. Die Hasburger haben sich ihre Geschichte schreiben lassen – und es erweckt den Eindruck, als wäre ALLES für “Österreich” unter ihrer Lenkung Wonne und Glorie gewesen. Noch Ärger das Christentum. Es wird so dargestellt, als wären die Menschen erst durch die Christianisierung von den Bäumen gekrochen. Das stimmt jedoch keineswegs. Wir hatten hier schon vor Jahr-Zehntausenden sehr hochstehnende Kulturen. Es ist unangenehm sich ständig mit diesen einfältigen Bildern konfrontiert zu sehen.

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* Warum ist dieses einfältige Bild so unangenehm?

Einfältige Bilder – im Sinne von unvollständig – sind immer unangenehm. Wie sollen Sie mit einem Menschen ein spannendes Gespräch führen, der keine Anhnung hat wer Kaiser Otto III. (Ostarichi-Urkunde) war, wann er lebte und wo? Wie soll da ein Austausch auf einer gleichen Ebene entstehen? Viele Menschen meinen dann „na ja das ist ja nicht wichtig” oder „Geschichte ist eine Aneinanderreihung unbedeutender Zahlen”, aber das ist eben einfältig. Wenn ich meinen eigenen Geburtstag und dann meinen Schulanfang, meine Hochzeitsfeier, usw. nur als Abfolge von Jahreszahlen betrachte, ist es einfältig, ich brauche eine Reflexion, was es für mein Leben bedeutet hat, und das gilt auch für eine Nation oder eine Kultur oder eine Region. Das bedeuet für mich Selbstbewusstsein.

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* Was ist Ihr Eindruck über das Geschichtsbewusststein in Österreich?

Da muss ich lachen und zwar sehr herzlich. Denn für die meisten Menschen ist schon die Monarchie und die Zeit von Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth “Geschichte”, also ein Bogen, der maximal 100 – 150 Jahre umspannt ist selbst für gebildete Menschen “lang”. Kaum jemand weiß, dass es z. B. nur vier Kaiser von Österreich gab: Franz I.(II.), Ferdinand I., Franz Joseph und Karl. Mir kommt vor, dass die Menschen nach dem 2. Weltkrieg überhaupt nicht mehr über Geschichte nachdenken wollten in Österreich. Ganze Generationen sind geprägt vom kindischen Kitsch der Sisi-Filme. Geschichte ist für Österreicher, und ich glaube auch für Deutsche, “gefährlich”. Wir haben keinen Gründungsmythos, wie z. B. die Ungarn oder die Franzosen. Auch haben wir keine Helden oder Heldinnen. In Frankreich habe ich bei einer Besichtigung in einer Kirche in Paris voller Begeisterung einen Vater seiner Tochter erzählen hören, „und das ist unsere Jeanne d`Arc, und das ist Bianca von Kastillien”, und er zeigte die Frescenbilder. Der Nationalsozialismus hat uns – so scheint es mir – auch unsere Geschichte genommen. Wir möchten uns nicht an die Vergangenheit erinnern. Ich meine, wir sollten die Dinge beim Namen nennen: Der Nationalsozialismus war ein verbrecherisches System. Diese machtmissbrauchende, patriachale Männerbande hat viele Menschen an deren wundesten Punkt erwischt, nämlich am mangelnden Selbstwert, am Gefühl der Ohnmacht, und der Angst, nicht gut genug zu sein. Das Ego springt, und das lehrt Geschichte sehr gut, mit Begeisterung auf solche Züge. Denn die Ohn-Mächtigen suchen die Macht stets durch einen “Führer” zu erlangen.

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* Sie sind generell ein politischer Mensch – das sagen Sie offen, und Sie machen mit Ihrer Antwort das auch eindeutig klar. Ihre Ansichten über Geschichte und gegenwärtige Situation sind miteinander eng verbunden. Sie sprechen jetzt sehr offen ziemliche heikle Themen an, wovon viele politically correct Menschen sicher schreiend weglaufen würden. Inwiefern erlauben Sie sich in Gesprächen mit ÖsterreicherInnen politisch zu verhalten, Ihre politische Meinung klar und eindeutig zu formulieren?

Poltisch bin ich insoferne, als dass ich die Einmischung in das Miteinander von Menschen nicht mag. Politik wird für mich in dem Moment kritisch, als sie, ähnlich wie Religionen, dogmatisch wird. Wofür ich konsequent eintrete ist eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Die Idee des Laizismus ist mir sehr wichtig. In Gesprächen mit Menschen trete ich stets sehr konsequent dafür ein. Überhaupt trete ich lieber für als gegen etwas auf. Die gesellschaftlichen Strukturen sind so, dass man/frau sich – bildhaft – in Österreich auf einer sehr breiten Bahn bewegen kann: Links aussen, mitte, rechts aussen, man/frau kann schwul sein, lesbisch, hundertmal am Tag Sex haben, keinen, verheiratet sein oder nicht, arbeiten oder nicht, lernen oder nicht. Es ist wahnsinnig viel möglich. Selbstverstädnlich: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht. Jeder tut gut seines zu finden und damit glücklich zu sein.

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* Ihre Antwort interessiert mich vor allem als Ungarin, da in Ungarn heute die Äusserung von Meinungen sogar schwierige Folgen haben können … eine Hyperaufregung kommt auf jeden Fall drauf. Inwiefern kann man sich in Österreich die Äusserung politischer Meinungen erlauben?

Politische Meinungen können man/frau in Österreich sehr frei äusseren. Es gibt Menschen die mit dem Stalinismus kokketieren, andere mit dem Nationalsozialismus. Zumeist steht jedoch eine erstaunliche Ahnungslosigkeit dahinter. Und es hat sich so eingebürgert, dass die Blindheit des “Linken Auges” und die linke Unbewusstheit salonfähiger ist als die Bildheit des “Rechten Auges”. Der Nationalszialismus – und das war für mich auch jahrzehntelang bestimmend – war schlimmer als der linke Terror. Der Maoismus war “chic” für eine ganze geistige Elite, das halte ich für ziemlich pervers. Und schade ist z. B., dass man/frau das spannende Thema Germanen, oder die alten “nordischen” Sagen und die Götter/Göttinenwelt der Germanen nicht frei vom Naziwahnsinn anzusehen vermag. Das ist aus meiner Sicht eine ganz wichtige Aufgabe: Wir sollten unsere alten, vorchristlichen Religionen und Kulturen in unserem Kulturraum wiederentdecken.

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* Sie sind ein Fan der vorchristlichen Kulturen. Was mögen Sie gerne daran? Was ist das, das diese Vorbilder für den heutigen Menschen bieten können?

Um ehrlich zu sagen: ich persönlich bin überhaupt kein religiöser Mensch. Religionen sind machtmissbrauchende, politsche Vereinigungen. Und ich will auch keine Religion mit einer Übermama. Soweit mein laienhaftes Forschen mich gebracht hat, gab es im vorchristlichen Europa mehr Anerkennung für die Gleichwertigkeit des linken und des rechten Fusses: Es gab Götter UND Göttinnen. Und die Idee von Freya als Lenkerin des von Katzen oder Widdern gezogenen Streitwagens ist mir angenehmer als Projektionsfigur, als die der jungfräulichen Mutter Maria mit züchtig gesenkten Augen. Und auch ist mir persönlich der Anblick der Venus von Willendorf angenehmer als jener des sterbenden Christus am Kreuz, der mir als Vorbild nicht erstrebenswert erscheint. Das Judentum, das Christentum und der Islam bauen alle auf das alte Testament. Frauen haben einen sehr dienenden, untergeordneten Stellenwert. Und dazu kommt, dass diese Religionen aus dem vorderen Orient stammen und alle aus der “Streit ums Wasserloch” – und aus der “Mangel”-Idee kommen. Das ist nach meiner Ansicht prägend für die heutige Politik, die Wirtschaft, das Leben miteinander. Während ich meine – zuletzt war ich auf Malta -, die Kulturen und Religionen im vorchristlichen Europa, und auch vorderen Orient waren von einem Miteinader geprägt. In den nordischen Heldensagen sind die Götter/Göttinnen listig, sie haben wenig Begriff von Schuld, sie sind sehr “menschlich”, verlieben sich, verraten sich, versöhnen sich, und wollen lieber verhandeln statt Kriege führen.

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* Wie wäre es möglich, die vorchristlichen Kulturen dieses Raums zu entdecken und zu wiederbeleben? Was könnten/wollen Sie da als Modeschöpferin machen?

Momentan entwerfe ich eine Kollektion die sehr auf die Aspekte der Gesichte aus unserem Kulturkreis eingeht. Die nächste Show bei der Fashion Week Vienna im September wird auf dieses Thema sehr gut eingehen. Es werden historische Elemente der Bekleidung seit 30.000 Jahren aufgenommen und z. B. wird somit mit der Idee aufgeräumt, die “Kimonoform” komme aus Japan. Sie ist eine archaische Bekleidungsform, die prakisch in allen, so auch in unseren Kultur vorkommt.

* Könnten Sie die bisherige Geschichte des Unternehmens periodisieren?

Es ist die Summe der Erfahrung meines bisherigen Lebens und meines gesamten kreativen, intelektuellen und wirtschaftlichen Tuns:

* 2006: Gründung des Labels VENI CREATRIX. Start up.

* 2011: Rekreation. Ständige Entwicklung.

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