Die Wolfsfrau unter uns: Marina Sagl. Teil II.: Von Veni Creatrix

Marina Sagl, Begründerin, Inhaberin und Designerin des Modelabels Veni Creatrix. Als Einzelunternehmerin, hat sie die Firma in wenigen Jahren zum Erfolg geführt. Gespräche mit der Modeschöpferin über Geschichte und Politik, Veni Creatrix, Mode und Industrie.

* Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Modelabel zu begründen?

Diese Idee liegt nicht ganz allein bei mir. Veni Creatrix hat sich selbst erschaffen. Es ist die bisherige und logische Konsequenz aus meinem Leben, ein Ausdruck meiner Kreativität. Den letzen Impuls gab die Ausstellung „Im Zentrum der Macht”. Kaiserinnen. Königinnen. Äbstissinen. Ottonische Frauen. Fiktive Portrais von Königin Mathilde, Kaiserin Adelheid, Kaiserin Theophanu, oder Hathui von Alsleben, die die Gubernatix des Stiftes Gernrode und meine Vorfahrin mütterlicherseits gewesen ist. Kaiserin Gisela, Kaiserin Praxedis und Adelheid, die Gubernatrix von Quedlingburg. Diese Bilder habe ich 2003-2005 gemalen und dazu Schmuck und Bekleidung gefertigt. Die Ausstellung wurde 2005 in der ehemaligen Kaiserpfalz zu Memleben in der spätromanischen Krypta gezeigt. Das war ein Höhepunkt und die Vereinigung meiner Kreativität zum damaligen Zeitpunkt meines Schaffensprozesses. Und die Bekleidung hat viele Menschen so angesprochen, dass ich Lust hatte, davon mehr zu machen.

* Also Sie waren früher als Malerin tätig. Könnten Sie bitte Ihre schöpferische Laufbahn vor Veni Creatrix kurz schildern?

Meine schöpferische Laufbahn begann an der Seite meines Vaters: Ein ganz schöpferischer Mensch im ursprünglichen Sinne. Seine Kreativität war grenzenlos. Er hat immer etwas geschaffen: Einen Hühnerstall gebaut, Tomaten angesetzt, unsere Schuhe repariert, feinst, mit Holznägeln. Irgendwann, als ich 4-5 Jahre war, hat er ein altes Magazin gekauft und es dann mit seiner Körperkraft abgetragen: Aus diesem Material hat er dann ein Haus, einen 100 m2 grossen Bungalow gebaut. Mit riesigen Glasfenstern, lichtdurchflutet, hell. Sein Lebenstraum. Und ich bin immer mit ihm mitgelaufen. Das war so spannend und so inspirierend. Aus Nichts etwas schaffen, das nützlich und schön ist. Auch meine Mutter war kreativ. Sie hat mir als Mädchen Kleider gehäkelt, ich durfte mir die Farben aussuchen. Himbeereis, Erdbeereis, Heidelbeereis, Marilleneis – und mit ihr habe ich gemeinsam gekocht, wir waren eine siebenköpfige Familie. Und wir waren Selbstversorger. Wundervoll! Es macht stark und autonom. So ist meine Sozialisierung nicht in den einengenden Geschlechterrollen gelaufen, ich habe alles gemacht: Holzhaken und Sticken, Hausbauen und Einkochen.

* Wo sind Sie aufegwachsen?

In Langenlois, im südlichen Kamptal in Niederösterreich und dann in Zöbing am Kamp. Das ist ein kleines Dorf am Fusse des “Heiligensteines”.

* Fühlen Sie sich mit diesem Ort immer noch verbunden?

Dieser Gegend fühle ich mich verbunden, spannenderweise jedoch geschichtlich. Damit meine ich, dass mich gegenwärtig nichts an den Orten und die Gegend anzieht, ausser deren Vergangenheit. Die Gegend ist seit der Altsteinzeit besiedelt. Oberhalb des Dorfes Zöbing wurde eines der ältesten Gebäude Europas entdeckt, ein riesiges jungsteinzeitliches Langhaus. In Kammern, unweit meiner Heimatstadt wurde ein Mammutjäger/Innenlager ausgegraben.

* Die schöpferische Laufbahn hat schon praktisch im Elternhaus begonnen. Wie ist sie weitergegangen?

Irgendwann habe ich begonnen zu zeichnen, dann zu malen, dann zu schreiben, Geschichtchen, Gedichtchen, alles ganz natürlich. Schöpferisch zu sein, das ist einfach eine Lebenshaltung. In meinem Beruf – ich bin gelernte Bürokauffrau – habe ich ganz wunderbare Menschen gefunden, die mich weiter ausgebildet haben. Sie liebten mich wie eine Tochter. Die Frau war eine sehr begabte Zeichnerin, sie hat mich unterwiesen, und da habe ich auch die ersten Aquarelle gemacht. Sie hat mich auch in Kunstgeschichte unterrichtet – ebenfalls auf eine sehr natürliche Art. Sie lebten umgeben von Kunstgegenständen: Im Wohnzimmer tomatenrote Möbel von Josef Hoffmann, Bilder von Koloman Moser, Zeichnungen von Gustav Klimt …. das prägt sehr. Nachdem es für mich immer wichtig war auf eigenen Beinen autonom zu stehen, ist meine Leben stets in mehreren Lebensbahnen gelaufen: Ein Brotberuf, der mich ernährt, und das künstlerische Leben, mit seinen unterschiedlichen Ausdruckformen: Malerei, Bildhauerei, Zeichnen und Schreiben. 1989 habe ich mit einer Ausstellungstätigkeit begonnen – für Malerei.

* Und Schmuckdesign! Vor ein paar Jahren hatten Sie sogar die Gelegenheit, der Königin von England persönlich von Ihnen entworfenen Schmuck zu überreichen. Das halte ich für eine außerordentliche Angelegenheit. Wie ist es dazugekommen?

Das Wunderbare war schon, dass Carl Djerassi, der “Entdecker” der Pille – einer der größten Revolutionäre der Menschheit, ich schätze und liebe ihn sehr -, bei der Eröffnung der Ausstellung „Sammlung Carl Djerassi von Paul Klee” in der Kunsthalle Krems 2002 für seine Frau – die einen Lehrstuhl für Feminismus an der Stanford Universität USA hatte – einen handgefertigten Lorbeerkranz aus vergoldetem Bronzeblech kaufte. Sie arbeite an einer Betrachtung über die Methamorphosen des Ovid. Damals hatte ich eine Ausstellung meiner Schmuckarbeiten im Museumshop der Kunsthalle Krems. Carl Djerassi, der auch SIR ist, hatte einige Tage nach diesem Ankauf mit seiner Frau einen Empfang bei der Queen. Und man rief mich im November 2002 an von der Britischen Botschaft in Wien, ob ich die Frau bin, die so schöne Lorbeer-Blätter macht, und ob ich auch weitere Blätter für das Kronjubiläum der Queen machen würde. Das hat mich sehr erheitert und sehr gefreut. Die Angelegenheit war sehr ausserordetnlich für mich. Es gibt einen Film dazu auf unserem YouTube-Channel.

* Der Name der Firma kommt wie ein Leitspruch vor, und wirkt wie ein aus dem Tiefen kommenes Bekenntnis, das viele Leute meiner Erfahrung nach zum ersten Blick gar nicht verstehen. Warum “Veni Creatrix”?

VENI CREATOR – diese Anrufung „Komm, Schöpfer Geist” kennen wir aus dem römisch-katholischen Messritual. Ich halte es mit der „VENI CREATRIX” equivalent, also immer wenn man/frau „Veni Creatrix” sagt, so ist es eine Anrufung: „Komm Schöpferin”. Der Name “Veni Creatrix” war für mich ganz logisch. Auch wenn es sperrig auszusprechen ist und kaum jemand die Bedeutung weiß, es ist eine Anrufung der weiblichen Schöpferkraft: Schönheit zu schaffen, es macht einfach Freude. Schönes Design, Schöne Bekleidung, das ist viel mehr als Mode. Es ist ein Bekenntnis.

* Welche Nachricht möchten Sie damit dem breiteren Publikum vermitteln? “Fashion is confession”. Warum?

Bekleidung, die aus Liebe zum Schönen, zum Experiment entstanden ist, das ist ein Bekenntis auch zu Arbeit und Geschäftstätigkeit – im Gegensatz zu Angst und Gier. Veni Creatrix ist eine Lebenshaltung. Meine Lebenshaltung. Was jeder/jede Einzelne damit verbinden, das ist Sache der Menschen. Meine Kundinnen sind sehr intelligent. Was und wie die Botschaft bringt, das ist ganz individuell und so soll es auch sein.

* Wer ist die Shöpferin? Wie würden Sie sie charakterisieren? Was kann sie, was will sie, was will sie nicht? Wo ist sie? Wann und von wo kommt Sie? Seit wann kennen Sie sie?

Die Schöpferin ist überall, wie der Schöpfer, denn das eine bedingt das andere. Am besten finde ich das Schöpferische in seiner weiblichen und männlichen Ausdruckskraft in der Natur, überall: In unserer Katze, in den Blumen, den Bäumen, wohin ich schaue, soweit mein Auge reicht und mein Verstand – aber dort ist die Welt sicher nicht aus! Woher das Schöpferische kommt? Das weiß ich nicht. Ich weiß, dass es viele, viele Dinge gibt, die viel größer sind als ich, und ich kann sie nicht erfassen. Es lebt sich für mich sehr gut mit dieser Idee, dass es einfach Dinge gibt, die ich nicht begreifen kann. Es ist für mich entspannend, eine Ameise zu betrachten oder einen prachtvollen Mittsommersternenhimmel und zu sagen „danke”. Auch wenn ich in das Auge meines Geliebten blicke, so sage ich „danke”.

* Was ist Schönheit? Wie erkennt man Schönheit?

Was ist Schönheit? Dazu kann ich nur sagen, was Schönheit für mich ist. Allgmeine Richtlinen was Schönheit ist oder nicht …. solche Dogmen sind millionenfach im Umlauf. Ich liebe was mich berührt, Schönheit ist für mich ein Gefühl. Sie berührt mich, leicht und zärtlich z. B. wenn der Wind durch eine langährige Wiese streicht. Oder wie ein Paukenschlag, der mich fast umhaut beim unerwarteten Anblick des Selbstportraits von Albrecht Dürer in der Münchner Pinakothek, oder wie Töne aus einer Symphonie von Anton Bruckner – das berührt mein ganzes Wesen. Es steigen die Tränen auf. Der Anblick der Katze, wenn Sie durch den Garten schleicht – das ist reine Schönheit für MICH! Schönheit ist subjektiv, das ist meine tiefste Überzeugung, und meine Einladung: Werden Sie bewusst, finden Sie Ihre Schönheit!

* Zwischen Tradition und Avantgarde: aus Anlaß Ihres Auftrittes 2011 in der Fashion Week in Wien haben Sie die Medien so charakterisiert, und Sie bezeichnen die Kollektionen auch gerne so. Warum? Wo spielt die Tradition in den Kollektionen eine Rolle und wo die Avantgarde?

Alte Formen, siehe die Geschichte, in das Morgen gebracht, das ist der Job jedes Designers/In: Bekleidung ist in gewissen Sinne immer traditionell, denn solange die Evolution den Menschen so sein lässt, wie er/sie seit Jahrhunderttausenden ist: Mit zwei Beinen, zwei Armen, einem Kopf, Frauen mit zwei Brüsten vorne …. dem muss sich Bekleidung einfach anpassen.

* In den jeweiligen Kollektionen nimmt Plissee eine vornehme Position ein. Warum ist diese besondere Vorliebe für Plissee?

Sie geben in der Frage schon die Anwort: Ja, Plissee ist vornehm. Die Elite der Ägypter vor ca. 5.000 Jahren, kleidete sich in königliches-feinstes Leinen – plissiert. Plissee hat eine große Faszination auf die Menschen ausgeübt. Es macht Stoff dreidimensional. Plissee kommt in der Natur in unendlicher Vielfalt vor. Es beschreibt den Zustand der Geburt, den Höhepunkt der Eksatase eines Geburtsvorganges: Wenn ein Blatt im Frühling aus der Knospe bricht, dann ist es, wenn es sich ent-fältet, im “plissierten” Zustand. Es ist “JUNG”, prä-natal. Diesen Zustand, das auf einen Höhepunkt zusteuernde, eksatische, das ist Plissee.

* In den Kollektionen kommen praktisch drei Plisseearten vor: die Crash-Stoffe, die keine Plissierung brauchen, sie sind so, wie sie aus der Fabrik rausgekommen sind. Sie haben noch sogenannte Sonnenplissee bei den Einzelanfertigungen, und „Maschinenplissee” bei größeren Serien. Wo und wie wird plissiert?

Crash kann ebenso wie Plissee in sehr phatasievollen Mustern und Formen hergestellt werden. Diese Formen entstehen aber auch durch das einweben von feinsten Metallfäden, die dann “zerknittert” wie altes Seidenpapier aussehen, oder aber es werden Baumwollstoffe, aber auch Seide nach dem Waschen zerdrückt und so getrocknet, das erzeugt auch sehr schöne Effekte, ist aber nicht haltbar. Sonnenplissee wird bis heute von Hand gefertigt; Ich arbeite mit der letzten Plissiererin in Wien – oder Österreich -, und die Maschinenplissees fertigt für uns ein Familienbetrieb in Deutschland.

* Sind Sie durch DesignerInnen, die Sie mögen, wie Issey Miyake und Coco Chanel, inspiriert? Miyake macht seit ca. 15 Jahren Plissee, und ganz wie Coco Chanel, wurde dank den klaren Strukturen und einfachen Schnitten berühmt.

Ja, selbstverständlich, bin ich von beiden und auch anderen inspiriert! Die klaren Strukturen allerdings kenne ich schon viel länger. Die Strenge und Leere einer romanischen Kathedrale, die klare Struktur einer Bienenwabe, die wundervolle Form und Klarheit einer ägyptischen Pyramide, die Schönheit einer alten Brücke, deren Bogen sich über das Wasser spannt, die Schönheit und Reduziertheit alter Bekleidung und Trachten – auch aus unserem Kulturkreis.

* Von Ihren Kollektionen kann man nicht sagen, dass sie “einfarbig” sind, Sie arbeiten mit einem breiten Farbenspektrum – aber für Rot-Schwarz-Kombinationen haben Sie eine besondere Vorliebe. Warum?

Schwarz, rot und weiß sind die “alten Farben”, die Farben die in der Alt- und Jungsteinzeit besonders verwendet wurden. Viele Gefäße waren schwarz-weiß-rot gefärbt und bemalen, auch Häusserreste. Schwarz war die Farbe der Erde, satt und stark, die Farbe der Freude und des Wachstums und der Würde. Rot war die Farbe des Blutes, des Lebens, sie hatte einen hohen Stellenwert. Weiß war die Farbe des Todes, der Gebeine, des Schnees, der Erstarrung.

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*Ein wichtiger Bestandteil der Entwürfe ist der Punkt im Rückenteil, den Sie meistens “Fenster” nennen. Ist dieser Punkt quasi wie ein Handzeichen von Veni Creatrix? Woher kommt die Idee?

Der Punkt … besser noch das „Fenster” ist ein Vorliebe von mir! Durchblick und Einblick zu haben, das liebe ich. Auf Malta hatte ich ein wundervolles Erlebnis: In den uralten Tempeln sind runde Fenster, Durchblicke, wie in meiner Kleidung. Woher diese Idee wirklich kommt? Ich weiß es nicht genau. Auch meine Handzeichnungen mache ich sozusagen im Schlaf. Es fließt aus mir. Ich denke unser “Unter- oder Überbewusstes” ist bedeutend größer als wir selbst, es sind die in den Genen gelagerten Informationen aus Jahrhundertausenden. Lassen wir sie doch fließen und durch die dünne “Eisschicht” unseres Intellektes brechen.

* Über den Creatrix-Prozess: Wie entsteht eine Kollektion? Was sind die pragmatischen Aspekte, die Sie bei dem Prozess beachten müssen?

Eine Kollektion von Veni Creatrix erschafft sich, aus sich. Ich begleite den Prozess – und der Prozess ist bei uns immer sehr stürmisch, es wollen sich viele Dinge entwickeln. Es fordert mich ganz und gar, mit Haut und Haar. Pragmatisch? Die schönste Anerkennung: Sie verkaufen, sind wettbewerbsfähig und die Kundinnen sind bereit, Geld auszugeben. Es ist ganz einfach. Die Antwort auf´s Leben gibt das Leben.

* Sie handeln grundsätzlich und offenbar eigenständig … Stoffeinkauf, Marketing, Shopeinrichtung, Entwürfe. Brauchen Sie in dem Job überhaupt eine Teamarbeiterin zu sein?

Die Falle jedes Einzelkämpfers/In: Ich mache alles! Das klappt, aber es wird kein Wachstum geben. Und Veni Creatrix ist am Weg vom Start up zum gesteuerten Unternehmen, daher werde ich nun auch prozessorientiert und mit einem klaren Prozessmanagement arbeiten in Zukunft. Grundsätzlich bin ich keine teamorientierter Mensch. Wie schon merhfach erwähnt, ich bin auch eine Despotin.

* Wie ist Ihr Verhältnis zur Modeszene in Österreich? Orientieren Sie sich, oder fühlen Sie sich gezwungen, sich an die Normen der Modeszene zu orientieren?

Ich bin menschenscheu, ich habe kaum Kontakte. Und zu Menschen aus der Modeszene schon garnicht. Gezwungen an Normen? Nein, überhaupt nicht. Aber es gibt einige Unternehmen und Menschen in der internationalen Modeszene, die ich sehr mag: Issey Miyake, Frau Prada, Bottega Veneta … es sind immer wieder Dinge, die mich berühren und die ich als SCHÖN empfinde …

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